Schießablauf

Egal welchen Bogen man bevorzugt, ob Primitivbogen, Langbogen, Jagdrecurve, technische Blankbögen, Olympische Recurve oder Compound ein wiederholbarer Schiessablauf ist Voraussetzung für das zuverlässige Treffen des Ziels. Eine effiziente, kraftsparende Bewegung ist dabei entscheidend, wenn man 60 und mehr Pfeile in einem Turnier oder einem Parcours schießen möchte.

Beobachtet man erfolgreiche Athleten so fällt auf, dass sie alle einen vergleichbaren Schießablauf haben. Details sind von Person zu Person durchaus unterschiedlich, doch durchlaufen sie alle bestimmte Positionen in ihrer Bewegung. O. Haidn, der Bundestrainer für das Bodenschiessen im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), hat diese Abläufe in einem sportwissenschaftlich gestützten Lehrmodell, dem Positions-Phasen-Modell, zusammengefasst.

Sicherlich muss jede Sportlerin und jeder Sportler auf Grund der individuellen Physiognomie für sich herausfinden, was am besten funktioniert, jedoch ist es sinnvoll sich mit den anatomischen und physikalischen Grundlagen auseinanderzusetzen, wenn man das persönliche Optimum erreichen möchte. Auch wer zur Entspannung und aus Freude am Bogenschießen „nur“ ein paar Pfeile fliegen lassen möchte, sollte dabei auf seine Gesundheit achten, um unbesorgt die Freude erleben zu können.

Positions-Phasen-Modell

Ausgangsposition oder
Nullstellung

Die Nullstellung im Positions-Phasen-Modell ist die Ausgangsposition. In dieser Position steht der Schütze parallel oder offen und schulterbreit. Das Gewicht ist dabei zu 60% auf den Fußballen und zu 40% auf den Fersen verteilt. Die Gedanken werden auf den Bewegungsablauf konzentriert.

Diese stabile und ausgewogene Haltung bildet die Grundlage für die nachfolgenden Bewegungen und Positionen im Schießablauf.

Vorspannposition

In der Vorspannposition werden die Core-Muskeln angespannt, das Becken gekippt und das Brustbein „tiefer gestellt“. Die Schultern bleiben tief und auf gleicher Höhe.

Der Zugarm ist abgewinkelt. Die Zughand steht senkrecht, gerade bis überstreckt. Die Zugfinger sind parallel, wobei der Sehnenkontakt zwischen dem 2. und 3. Fingerglied von Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger erfolgt.

Der Anstellwinkel der Bogenhand beträgt etwa 45°. Der Druckpunkt befindet sich rechts von der Lebenslinie (bei Rechtshandschützinnen).

Schließlich wird das „Kraftdreieck“ vorbereitet, indem entgegengesetzte Druck- und Zugbewegungen ausgeführt werden.

Anhebe- und Stützposition

In der Anhebeposition ist der Kopf gedreht, sodass der Blick zum Ziel gerichtet ist. Die Hüfte ist parallel zum Stand ausgerichtet, während der Oberkörper beim offenen Stand um die Wirbelsäule gedreht ist. Die Bogenschulter zeigt nahezu in Zielrichtung, was eine stabile und kontrollierte Haltung ermöglicht. Beide Hände sind ungefähr auf Augenhöhe.

Halteposition

In der Halteposition sind ebenfalls mehrere wichtige Schritte zu beachten:

Laden: Die Bogenschulter wird stabil gehalten, während die Zughand geradlinig in die Ladeposition unterhalb des Kinns geführt wird. Die Zugschulter wird auf die Stützlinie des Kraftdreiecks geführt, und der Zugarmellbogen bleibt innerhalb der Pfeillinie. Die Spannung verteilt sich zu 80% auf den Rücken und zu 20% auf den Unterarm.

Ankern: Die Zughand und der -arm bewegen sich nach oben, wobei der Zeigefinger bündig mit dem Kieferknochen abschließt. Die Sehne berührt die Kinnecke und die Nasenspitze, mit einer Spannungsverteilung von 90% auf den Rücken und 10% auf den Unterarm.

Transfer: Es erfolgt eine sehr kleine, konsequente Drehbewegung des Zugarmellbogens.

Halten: Die Rückenspannung wird auf 90% + erhöht und dort gehalten.

Diese Schritte sind entscheidend für eine präzise und stabile Schussabgabe.

Nachhalteposition

Um in die Nachhalteposition zu gelangen werden folgende Elemente berücksichtigt:

Zielen: Das Korn wandert von oben her ins Ziel und wird im Zielfenster gehalten. Die Position des Sehnenschattens wird geprüft, während die Augen auf das Korn und das Ziel fixiert bleiben.

Expansion: Die Rückenspannung wird weiter erhöht. Eine Mikrobewegung von 1 – 2 mm durch den Klicker erfolgt, indem sich die Oberarmrückseite „parallel“ zur Schießlinie nach hinten bewegt. Gleichzeitig führt die Kontraktion im Rücken dazu, dass sich die Brust und der Oberkörper weiten.

Lösen: Das Kräftegleichgewicht (Kraftdreieck) wird aufgelöst, indem die Sehne und der Bogen freigegeben werden. Die Sehne gleitet durch die sich entspannenden Finger, und der Bogengriff löst sich von der Bogenhand.

In der Nachhalteposition bleiben die Bewegungsrichtungen erhalten: Die Zughand folgt dem Zugarmellbogen, während sich die Bogenhand in Zielrichtung bewegt und das Bogenhandgelenk nach unten abklappt. Die Augen bleiben auf das Ziel fixiert, um die Präzision zu maximieren.

Abschluss
Nullstellung

Erst wenn der Pfeil sein Ziel erreicht hat begibt sich die Schützin wieder in die Nullstellung und entspannt sich. Sie lässt die Muskulatur locker, um mögliche Verspannungen zu lösen.

Dies ist die Ausgangsposition, in der die Schützin sich erneut stabilisiert und vorbereitet.

Die Schützin geht den Schuss gedanklich noch einmal durch und analysiert ihren Bewegungsablauf, um mögliche Verbesserungen zu identifizieren. Diese Reflektion ermöglicht es auch kleine Abweichungen im Bewegungsablauf zu erkennen und beim nächsten Schuss zu verbessern.