Der innere Weg

Als ich klein war, gab es eine Zeichentrickserie im Fernsehen: „Senior Rossi sucht das Glück“.  Herr Rossi war ein Arbeiter in einer Fischfabrik, der mit Hilfe einer Trillerpfeife aus bedrückenden Situationen seines Alltages ausbrach und durch Raum und Zeit reisen konnte, um sein Glück zu finden. Auf jeder seiner Reisen erlebte er aber immer wieder ähnlich Bedrückendes, wie in seinem realen Leben und kehrte letztendlich immer wieder zurück.  Glücklich leben, wie geht das eigentlich?

Eigenes Bild

Gefangen in Routinen

Bild von Wikipedia: Bruno Bozzetto 2017

Was Bruno Bozzetto in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts in seinen Kurzfilmen beschreibt, erleben viele von uns ebenfalls immer wieder. Gefangen in einem Hamsterrad aus Aufgaben,  Verpflichtungen und Abhängigkeiten bestreiten wir unser tägliches Leben. Glücklich sind wir dabei selten. Wenn es wieder einmal ganz dicke kommt, dann brechen wir aus. Wir fahren in den Urlaub, gehen am Wochenende zum Fußballderby oder ziehen tatsächlich in eine andere Stadt. Jedoch merken wir recht schnell, dass es hier auch nicht besser ist und fallen in den gewohnten Trott zurück. Glücklich leben scheint schwer zu sein. Woran liegt das?

Wir nehmen unser Selbst immer mit

Wir machen häufig die äußeren Umstände für unser Glück verantwortlich. Wenn wir in eine andere Stadt umziehen, einen neuen Job annehmen, eine neue Beziehung beginnen, bleiben wir innerlich doch der oder die Selbe. Wir erwarten von der neuen Umgebung und den anderen Menschen, dass sie uns glücklich machen. Wir hoffen, dass wir in der neuen Umgebung finden, was wir so schmerzlich vermissen. Doch das wird nicht funktionieren. Nur wenn wir bereit sind, uns selbst, unsere Ansichten und Verhaltensweisen zu verändern, wird sich auch unser Leben und unsere Beziehung zu anderen Menschen verändern.

Bevor wir also losziehen, um unser Glück zu finden, macht es durchaus erst einmal Sinn, sich zu überlegen, was glücklich zu leben für mich eigentlich bedeutet. Alles beginnt mit einer einfachen Fragestellung:

Was will ich eigentlich und was bin ich bereit dafür zu tun?

Der Lebensentwurf

Bild von David Mark auf Pixabay

Das Leben in Filmen und in den sozialen Netzen ist immer so perfekt. Die Sonne scheint, alle haben Spaß und sind gut gelaunt. „Das will ich auch“… wirklich? Wie ist denn mein perfekter Tag, den ich immer wieder erleben kann, ohne seiner überdrüssig zu werden? Was will ich denn, was einmal in meinem Nachruf über mich geschrieben wird? Wann fühle ich mich denn wirklich wohl und warum? Was ist denn mein Beitrag im Leben? Nur die wenigsten Menschen beschäftigen sich mit dieser Fragestellung, sie ist aber der Schlüssel, um glücklich zu leben.

Ja klar, nicht alles, was ich mir vorstelle, was ich mir wünsche, ist erreichbar. Ein querschnittsgelähmter Mensch, der in seinen Träumen einen Marathon in Bestzeit läuft, wird es schwer haben, diesen Traum zu erfüllen. Ein Lebensentwurf ist kein „wünsch Dir was“, sondern eine Reise zu mehr Selbsterkenntnis, zu der die Motivation notwendig ist, um wirklich etwas zu verändern und letztendlich zu Befriedigung und Glück.

Jeder sieht den strahlenden Sieger auf dem olympischen Treppchen, aber niemand sieht die tausenden von Stunden Training, die Mühen und die Rückschläge, die viele Arbeit und auch die Zweifel, die letztendlich auf dieses Treppchen geführt haben. Auch das gehört zum Lebensentwurf dazu. Was bin ich bereit zu tun? Bin ich bereit, morgens früh vor allen anderen aufzustehen und zu lernen, was ich noch nicht kann? Bin ich bereit für die „Extraschicht“ ,wenn alle anderen bereits vor dem Fernseher liegen und sich erholen? Traue ich mich, neue Bekanntschaften zu suchen, die auf einem ähnlichen Weg sind wie ich? Bin ich bereit, von Menschen zu lernen, die vielleicht bereits haben, was ich mir wünsche? Auch und gerade diese Seite des Erfolges gilt es in den Lebensentwurf aufzunehmen und zu bejahen.

Joe Cocker hat 2012 gesungen:

Keep your eye on the prize

Erst wenn ich mir über das Ziel meiner Reise im Klaren bin und weiß, was es bedeutet, mich auf den Weg dahin zu machen, habe ich die Grundlage geschaffen „mein Glück zu machen“, denn es liegt in der Hand eines jeden einzelnen von uns, sein Leben erfolgreich und nach seinen eigenen Wünschen zu gestalten. Vor 100 Jahren und heute in vielen anderen Ländern dieser Erde würde ich dies nicht mit der Überzeugung sagen, wie ich es hier und heute in Deutschland tue, tun kann.

Das Mindset

Bild von Deirdre Weedon auf Pixabay

Ziele zu haben und die Aufgaben zu kennen ist ein guter Anfang. Ebenso wichtig ist es aber auch, die „richtige“ Einstellung zu entwickeln, sonst bleibt der Lebensentwurf bloß ein schöner Traum und am Ende bleibt Bedauern: „Ach hätte ich doch nur …“!

Der unbändige Wille, glücklich zu leben, ohne jeden Zweifel dies auch zu schaffen, das ist der Kern des Mindsets. In der Psychologie sprechen wir von Motivation und Volition.

Die Motivation ist ein nicht direkt beobachtbares psychologisches Konstrukt, das die Bereitschaft eines Menschen beschreibt, Zeit, Energie und Arbeit zu investieren, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Die Volition beschreibt die Fähigkeit, eine große Zahl einzelner Teilfunktionen wie Wahrnehmung, Denken, Bewegungssteuerung unter der Ägide eines einheitlichen Ziels zu koordinieren.

Das richtige Mindset aufzubauen bedeutet zum einen, sich mit dem Lebensentwurf zu identifizieren. Also zu sagen: „ich bin der zukünftige Olympia Sieger“. Und nicht: „ich würde gerne die olympischen Spiele gewinnen“. Zum anderen bedeutet es auch, die notwendigen Werte zu kultivieren, die eine optimale Vorbereitung gewährleisten, wie zum Beispiel: Disziplin, Leistungswille und das Streben nach Perfektion.

Lässt sich ein Mindset denn überhaupt aufbauen? Die Antwort ist so einfach wie klar: Ja!

Zwar gibt es unterschiedliche Ansätze, die die Persönlichkeitsentwicklung zu beschreiben versuchen. So z.B. die psychodynamischen Ansätze von Sigmund Freud, Alfred Adler und C. G. Jung, oder die Stufenmodelle der psychosozialen Entwicklung und Identitätsfindung nach Erik H. Erikson und James E. Marcia. Doch ist sich die Wissenschaft einig, dass sich die Persönlichkeit eines Menschen bewusst oder unbewusst entwickelt.

Aus der Lerntheorie kommen hilfreiche Modelle, wie eine Entwicklung stattfindet. Kognitivistisches Lernen kann man als Lernen durch Verstehen und Nachvollziehen bezeichnen. Ergänzt wird dies durch den Ansatz des Konstruktivismus. Lernen wird hier als ein aktiver Konstruktionsprozess, in dem jeder Lernende seine subjektive Realität erschafft, verstanden. Hypothese dieser Theorie ist die Annahme, dass das Gehirn ein geschlossenes System ist, das zwar Reize aus der Umwelt aufnimmt, diese allerdings auf Grund seiner bereits vorhandenen „Filter“ (Vorerfahrungen) weiter verarbeitet. Die Reize (Töne, visuelle Eindrücke) werden durch die Sinnesorgane aufgenommen, durch das Gehirn interpretiert und danach zu einem individuellen und subjektiven Sinneseindruck verarbeitet. Was eine Person sieht, hört, riecht oder schmeckt ist demzufolge niemals eine objektive Wahrnehmung der Realität, sondern stets deren subjektiv geprägte Interpretation. Diese Auffassung wird durch die neueren Erkenntnisse der Hirnforschung bestätigt. Durch verschiedene methodische Ansätze wie Visualisierung und Affirmation lässt sich, in Kombination mit Erfolgserlebnissen, das „Filtersystem“ oder auch Unterbewusstsein mit der Zeit gezielt verändern. Unser Bild von der Welt und uns selbst verändert sich.,

Geh los und bleibe nie wieder stehen

Die Veränderung des Mindset ist eine Reise. Sie geht einher mit dem Aufbau der für den Lebensentwurf notwendigen Kompetenzen, also der Fähigkeiten und Fertigkeiten, derer es bedarf, den Traum zu verwirklichen.

Jessie Graff. Bild von IMDb

Jessie Graff, eine US-amerikanische Stuntfrau und Gewinnerin bei American Ninja Warrior, die dort als erste Frau überhaupt den Parcours 1 des Finales geschafft hat, sagte einmal in einem Interview lächelnd, als sie von einem der Hindernisse abgerutscht und im Wasser gelandet war: „Ich habe im Moment noch nicht die notwendige Kraft in den Fingern.“ Für sie war es kein Scheitern, sondern eine Lerneinheit auf dem Weg zu ihrem Ziel. Kein Zweifel, keine Enttäuschung lag in ihrer Stimme, sondern die Gewissheit, auf dem Weg zu sein.

So wie durch Training die Kraft wächst, entwickelt sich auch das Selbstvertrauen. Rückschläge führen nicht zur Aufgabe, sondern sind Anreiz, sich weiter zu verbessern. Jeder noch so lange Weg beginnt mit dem ersten Schritt, dem ein weiterer folgt und noch einer und noch einer. Je weiter man kommt, desto grösser wird das Vertrauen in sich selbst, auch den nächsten Schritt zu schaffen.

Wer das notwendige Mindset für seinen Traum entwickeln will, der braucht für den Anfang noch nicht diese felsenfeste Überzeugung. Es reicht, den ersten Schritt zu tun. Mit jedem kleinen Erfolg auf dem Weg steigt der Glaube an sich und die Richtigkeit des eigenen inneren Weges. Wichtig ist nur, weiter zu gehen.

Persönlichkeitsentwicklung und damit unser Glück liegt tatsächlich in unserer eigenen Hand. Das ist eine gute Nachricht, aber auch eine Verantwortung, derer wir uns stellen müssen. Dies kann  niemand anderes für uns tun.

Andere Menschen einbinden

Bild von Pixabay.

Allerdings muss niemand seinen Weg alleine gehen. Es gibt immer wieder Menschen, mit denen man gut einen Teil des Weges zusammen gehen kann, um sich gegenseitig zu unterstützen. Entscheidend ist nur, dass man seinen eigenen Weg geht und nicht den des anderen. Klingt seltsam? Hier ein Beispiel:

Als ich bei der Bundeswehr war, stand ich vor der Aufgabe, 5 km in einer bestimmten Zeit laufen zu müssen. Ich war mir ziemlich sicher, das alleine nicht zu schaffen. Genauso erging es einigen anderen Kameraden auch. Wir haben uns zusammen getan und sind in einer Reihe hintereinander her gelaufen. Jede Runde war ein anderer vorne und hat sich nach der Runde nach hinten fallen lassen. So konnten wir uns die meiste Zeit des Laufes quasi von den anderen „ziehen“ lassen. Gemeinsam haben wir damals das Ziel erreicht und jeder hat seine persönliche Herausforderung gemeistert.

Es ist durchaus zulässig, andere Menschen für die Verwirklichung  seines Lebenstraums oder wenigstens einer Etappe auf dem Weg dahin zu suchen. So zum Beispiel Trainer, Mentoren oder Gleichgesonnene mit ähnlichen Zielen. Es darf nur nicht dazu kommen, dass der Eine seinen Lebenstraum für den Anderen aufgibt oder gar aufgeben muss. Aus solchen toxischen Symbiosen erwächst nur Leid anstelle von Glück.

Um bei dem Beispiel der Bundeswehr zu bleiben, es gab auch Kameraden, die wesentlich schneller waren als wir, deren Ziele aber andere waren als nur in der gesetzten Zeit zu bleiben. Diese Kameraden nun dazu zu bringen, uns zu unterstützen, wäre falsch gewesen. Sie hätten ihre persönlichen Ziele aufgeben müssen und wären so weit unter ihren persönlichen Möglichkeiten geblieben.,

Transfer in den Arbeitsalltag

Zum Abschluss will ich den Bogen noch einmal zu meinem Freund Senior Rossi und seinem Boss in der Fischfabrik spannen. Wie den beiden in der Serie ergeht es vielen Menschen im Berufsleben. Anstatt gemeinsam an ihrem jeweiligen Lebenstraum zu arbeiten, machen sie sich das Leben gegenseitig schwer. Der Eine verbreitet schlechte Stimmung. Warum? Weil er so glücklich ist? Der Andere ergibt sich in sein Schicksal und geht jeden Tag erneut in diese Tretmühle. Warum?

Jeder Mensch, zumindest in unserer westeuropäischen Zivilisation, ist frei in seinen Entscheidungen. Warum entscheiden wir uns nicht für Zusammenarbeit und gemeinsamen Erfolg? Es ist tatsächlich so einfach:

Folge deinem inneren Weg!